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June 3, 2022

THE OUTFIT und Noir-Kammerspiele: Das Phänomen hinter dem Verbrechen

#theoutfit #noir #kammerspiel

Was gibt es Spannenderes, als eine Handvoll Menschen auf engstem Raum dabei zu beobachten, wie sie einen Kriminalfall aufzuklären versuchen? Das Genre des Noir-Kammerspiels ist fast so alt wie der Spielfilm selbst: Beginnend mit Stummfilmen im Zuge der expressionistischen Bewegung im Deutschland der 1920er ist diese Art des Films ein Garant für intime Gespräche, krasse Twists und experimentelle Ästhetik – ein auf das Minimum reduziertes Set muss erstmal ansprechend gestaltet werden. Auch knapp 100 Jahre später ist das Kammerspiel präsent in den Kinos: So bringt der als Drehbuchautor für z. B. THE IMITATION GAME bekannte Graham Moore sein Regiedebüt THE OUTFIT auf die Leinwände, welches bereits im Februar 2022 bei der Berlinale uraufgeführt wurde.

THE OUTFIT verspricht, mit unter anderem Oscarpreisträger Mark Rylance in der Hauptrolle, eine coole 50s-Atmosphäre mit allem, was das Film-Noir-Herz begehrt: Gefährliche Gangster, das verruchte Chicago, Nervenkitzel, schicke Anzüge, kleine und große Missetaten. Und das alles hauptsächlich in nur einem Raum: Leonard Burlings Maßschneiderei. Zwar ist es ein Wagnis, eine unterhaltsame Gratwanderung zwischen minimalistischem Schauplatz und mitreißender Geschichte hinzubekommen, kann aber auch unglaublich lohnenswert sein, wenn es denn gelingt. Über die Jahre gab es so einige Filme, die sich daran versuchten, und die aufgrund ihrer stimmigen Machart die öffentliche Faszination mit dem (Neo)-Noir-Kammerspiel fütterten.

Was macht Kammerspiele so spannend?

THE OUTFIT (Graham Moore, 2022) - © Nick Wall / Focus Features

Es ist zu bezweifeln, dass folgende Situation für auch nur irgendeine Person ein Genuss wäre: Eingesperrt in einer begrenzten Örtlichkeit mit einer meistens nicht ganz so tollen Stimmung, sämtliche Mitgefangene oder Mitgehangene könnten potentielle Verbrecher:innen sein und eine Leiche liegt auch noch irgendwo herum. Und trotzdem ist es immer wieder witzig, aufregend und spannend, wenn man so ein Treiben gemütlich von außen beobachten kann. Dabei spielt aber nicht nur der Beobachtungsaspekt eine Rolle: Das Wichtigste an so einem Crime-Kammerspiel ist die Möglichkeit, mitzurätseln, Eckpunkte zu verbinden, Theorien aufzustellen – alles in einem, selbst eine Art Detektiv:innentätigkeit auszuüben. Nur ohne die Gefahr, selbst solch einer Situation ausgesetzt und wirklich mit mindestens einer:m Killer:in gemeinsam im Raum zu sein.  

Das ist übrigens auch ein Grund für den seit geraumer Zeit riesigen Erfolg von True-Crime-Formaten: Erzählungen über Mord, Totschlag oder Gewalt lösen gewisse psychologische Prozesse aus, die sich trotz des Vorwurfs des Voyeurismus auch positiv auswirken können. Sam Emmerson, Creative Director bei den Moonstone Murder Mysteries, einem Kammerspielensemble in London, meint in einem BBC-Artikel, dass gerade bei solchen Unterhaltungsformen die Interaktivität im Vordergrund stehe, ohne Konsequenzen dabei zu verspüren, obwohl diese Auswirkung auch überraschend sei: „Wenn es eine Situation im echten Leben wäre und jemand ermordet worden wäre, ist es kein spaßiges Thema. Man befindet sich in einer Art von [alternativen] Realität, in der wir ganz banal den Tod eines Menschen aufklären.“ Das macht dem Publikum natürlich Laune.  

Diese Form von interaktivem, makabrem Rätselspaß findet nicht nur seine Wurzeln im deutschen expressionistischen Theater, sondern auch in der Hochphase der britischen Crime-Literatur der 1920er und 30er. Bücher von Agatha Christie oder Dorothy L. Sayers legten den Grundstein für mehrere Tropen, die heute immer noch gut und gerne verwendet werden: Ein illustrer Cast, ein absurder Mord, mysteriöse Locations wie Gutsherrenvillen oder Hotels, und schließlich ein (Amateur-)Detektiv, der durch Twists und Turns irgendeine Lösung (oder gleich mehrere) für den Fall findet.

Das klassische Whodunnit

COCKTAIL FÜR EINE LEICHE (Alfred Hitchcock, 1948) - © Universal Pictures

Ohne Grundstein keine Inspiration: Auch dieses nun sehr traditionell wirkende Konzept musste erst erfunden werden. Das Wort „Kammerspiel“ selbst ist abgeleitet von der Kammermusik, also einem Konzert in einem exklusiven Rahmen. Dieses wurde so auch aufs Schauspiel übertragen: privates Theater an einem kleineren, aber nicht unbedingt bescheideneren, Ort. Frühe Verwendungen dieses Begriffs gehen z. B. auf den schwedischen Dramatiker August Strindberg zurück, der ab 1907 verschiedene Werke als „Kammerspiele“ zusammenfasste. Erst mit der Avantgardekunst des frühen 20. Jahrhunderts wandte sich der Begriff zunehmend einem experimentellen, intimen Rahmen zu, der seinen Weg auch in den Spielfilm fand. Die Vorteile solch eines Kammerspiels sind eklatant: Es werden wenige Mittel benötigt, das Setting muss nicht stark ausgearbeitet sein, dafür kommt es umso mehr auf die Interaktionen zwischen den Figuren an, die man meist an ein, zwei Händen abzählen kann. Im Bezug auf die bereits aufgeführte Crime-Literatur bietet es sich natürlich an, so etwas auf diese Art visuell umzusetzen und es mit einer „Whodunnit“-Geschichte als einen mysteriösen Fall zu gestalten, der das Publikum zu jeder Minute zum Miträtseln animiert.  

Eins der frühesten berühmten filmischen Noir-Kammerspiele stellt COCKTAIL FÜR EINE LEICHE (OT: ROPE, Alfred Hitchcock, 1948) dar. Dies war sein erster Farbfilm, wurde scheinbar komplett ohne Schnitte realisiert und beinhaltet nur einen reduzierten Cast, eine bestimmte Kulisse sowie natürlich einen mysteriösen Mordfall, der aufgeklärt werden will. Die Gäst:innen diskutieren untereinander, spinnen Intrigen, fragen sich gegenseitig aus, bis es über verschiedene Plottwists zu einem Ende kommt, bei dem man sich denkt: „Ah, habe ich doch gleich gewusst!“ Meist entspricht diese Realisation aber nicht der Wahrheit, denn solche Filme schaffen es, zum Schluss alles so hinzubiegen, dass der gesamte Verlauf komplett plausibel wirkt. Als Paradebeispiel dafür gelten Agatha Christies Hercule-Poirot-Geschichten, die sich um einen belgischen Privatdetektiv mit hohem Selbstbewusstsein bezüglich seiner Fähigkeiten dreht. Die wohl berühmteste Verfilmung seiner Fälle ist MORD IM ORIENT-EXPRESS (OT: MURDER ON THE ORIENT EXPRESS, Sidney Lumet, 1974), in der sich die Spürnase im exklusivsten Zug der Welt wiederfindet, um dort – wie soll es auch anders sein – einen Mordfall zu lösen.

Markant sind bei solchen Whodunnits die Enden, in denen alle Teilnehmenden der Charade versammelt werden, um die möglichen Verläufe durchzukauen. So präsentiert die ermittelnde Person mehrere Ausgänge, die alle in sich schlüssig erscheinen. Natürlich kann es aber immer nur eine:n Mörder:in geben, der:die im weiteren Geschehen aufgedeckt wird. Oder doch nicht? In ALLE MÖRDER SIND SCHON DA (OT: CLUE, Jonathan Lynn, 1985) wird beispielhaft mit den Erwartungen der Zuschauer:innen gespielt, während gefühlt tausende gut erklärte Enden präsentiert werden. Hervorzuheben sind dabei die Darstellenden, allen voran der brillant spielende Tim Curry. Das Ganze basiert auf dem beliebten Brettspiel Cluedo und dient eher als (besonders gut gemachte) Persiflage auf das Genre. Der Clou bei diesem Film: Es wurden vier verschiedene Enden gedreht, drei davon gingen dann zufällig an die Kinos, was den Spaßwert des Streifens nochmal erhöht.

Mord im modernen Gewand: Neo-Noir

BAD TIMES AT THE EL ROYALE (Drew Goddard, 2018) - © FOX

Abseits der bereits bekannten Abläufe gab es in den 2010ern eine kleine Renaissance des Genres, in denen düstere Noir-Komponenten wie Verbrechen und coole Detektiv:innen mit der Intimität und Kreativität eines Kammerspiels kombiniert wurden: Filme wie BAD TIMES AT THE EL ROYALE (Drew Goddard, 2018), KNIVES OUT (Rian Johnson, 2019) oder auch THE HATEFUL EIGHT (Quentin Tarantino, 2015) implementieren Features des Genres bzw. Leben im Kern davon. Auch wenn Tarantinos Streifen vom Setting her weit weg ist vom Rest der Beispiele, ist es ein Kammerspiel, in dem ein Verbrechen von einem kleineren Cast als gewöhnlich aufgedröselt wird. Da solche Filme aber zusätzlich noch andere Erzählweisen aufführen, gibt es einige Unterschiede zum klassischen Noir-Werk, z. B. ausuferndere Neben-Stories oder Einstiege, mehr Charaktere oder wechselnde Schauplätze, weswegen hier vom Neo-Noir-Kammerspiel gesprochen werden kann.

Dass solche Filme nicht nur für ein spezielles, leicht verkünsteltes Publikum sein müssen, zeigt unter anderem KNIVES OUT, das mit einem Star-Ensemble und äußerst hochwertiger Produktion brilliert. THE HATEFUL EIGHT ist als Tarantino-Film natürlich auch in der Triple-A-Klasse anzusiedeln, doch würden die meisten Menschen auf die Frage, was ihr liebster Tarantino wäre, wahrscheinlich nicht mit diesem Streifen antworten (obwohl das ein sehr guter Film ist). Während THE HATEFUL EIGHT und BAD TIMES AT THE EL ROYALE gemessen am Budget eher nicht so große Erfolge waren, konnte Rian Johnsons Whodunnit-Story fast das Achtfache des Geldes, das hineingesteckt wurde, einspielen. Das sind rosige Aussichten für das Genre des (Neo-)Noir-Kammerspiels, was mich persönlich sehr freut, da es eins meiner liebsten ist: Die oftmals sehr stylische Ästhetik, die coolen Sprüche der noch cooleren Charaktere, eine Menge Mystery und Suspense – fertig ist ein Film, auf den ich richtig Bock habe.

Apropos richtig Bock: Diesen verspüre ich auch auf das Release von THE OUTFIT, das sich allein vom Trailer her in die Riege großartiger Kammerspiele einreihen könnte. Die bereits genannte Prämisse klingt genau nach meinem Gusto und ich hoffe sehr, dass der Film nicht nur inhaltlich halten kann, was er verspricht, sondern auch ein Erfolg an den Kinokassen wird. Denn nur wenn solche Filme breiteren Anklang finden, gibt es eine höhere Motivation, weitere von ihnen zu drehen – und das wäre einem Hollywood, das sich immer noch hauptsächlich auf Superheldenfilme fokussiert, zu wünschen. Kreative Ideen wie solche, eine Maßschneiderei im Chicago der 1950er mit der dort grassierenden organisierten Kriminalität zu verbinden, sollten auch, bei überzeugender Qualität, entsprechend gewürdigt werden.

Hier noch der offizielle Trailer zu THE OUTFIT – Verbrechen nach Maß:

Elias Schäfer
Trainee
Social Media & Digital Advertising
Throw Away Your Books, Rally In The Streets (1971)
Bruder (1997)
Persona (1966)