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January 26, 2022

LAMB – Die Subjektivierung der unbekannten Gewalt

#lamb #filmanalyse #gedanken

Bizarre Beziehungen zwischen Menschen und anderen Lebensformen, sei es nun tierischer, technologischer oder noch gar unbekannter Natur, finden im Film seit je her ihre Spielfläche. So kann man an Werke mit mythologischem Hintergrund denken wie Der Golem, wie er in die Welt kam (R: Wegener/Boese 1920), Werke mit einem Science-Fiction Hintergrund wie E.T. – Der Außerirdische (R: Spielberg 1982) oder auch klassische Unterhaltungsformate wie Nachts im Museum (R: Levy 2006). Die Beziehung von Menschen, die sich als Protagonist:innen positionieren, zu einer anderen Lebensform ist ein wiederkehrendes Muster in der kinematographischen Geschichte. Aber warum muss der Mensch immer wieder Bilder kreieren, die eine gewisse Art von naturgegebener Willkür repräsentieren?

Dieser Frage möchte dieser Blogbeitrag ein wenig nachgehen. Im Januar 2022 ist das isländische Horror-Drama Lamb (R: Jóhannsson) in die deutschen Kinos gekommen. Es erzählt die Geschichte des Paares Maria und Ingvar, die eine Schafzucht betreiben. Der Wunsch nach eigenen Kindern bleibt den beiden erstmal verwehrt, bis ein Schaf ein Wesen gebärt, das halb Lamm und halb Mensch ist. Maria und Ingvar nehmen es bei sich auf und wollen es wie ihr eigenes Kind großziehen. Die leibliche Mutter, ein Schaf aus dem Stall, zieht es jedoch auch zu ihrem Lamm und so verweilt sie hartnäckig vor dem Fenster, bis sie eines Tages das Lamm, das mittlerweile Ada genannt wurde, in die isländischen Weiten entführt. Panisch beginnen Maria und Ingvar Ada zu suchen, bis sie sie endlich finden und die Schäferin der Tortur der leiblichen Mutter ein Ende setzen will. Sie beschließt, das Schaf zu erschießen und es zu begraben. Es vergeht ein wenig Zeit, bis Ingvar mit Ada alleine spazieren geht und ihr die isländischen Naturgegebenheiten erklärt. Im nächsten Augenblick wird Ingvar von einem Bock-Mensch-Hybriden erschossen, der Ada an die Hand nimmt und sie wegführt. Maria findet Ingvar tot auf der Wiese und blickt in die Richtung, wo der Bock-Mensch entlang gegangen ist, als würde sie spüren, was soeben passiert ist.

Das Lamm – eine Symbolik mit Geschichte

Lamb wirft erstmal viele Fragen in den Raum, die zu Anfang unbeantwortet zu bleiben scheinen. Jedoch ist die Wahl eines Lamms als eben beschriebenen Hybrid wohl nicht nur auf die stark ausgeprägte Schafzucht Islands zurückzuführen. Denn Film an sich ist „eine zeitliche Kunst der Bewegung und der organischen Kontinuität und kann daher eine überzeugende oder falsche Psychologie, einen klaren oder verworrenen Sinn haben. Nur daß [sic] diese Psychologie und dieser Sinn nicht als ‚tiefere Bedeutung‘ im Gedanken, sondern in der sinnfälligen Erscheinung restlos an der Oberfläche liegen“ (Balázs, S. 27). Die Wahl der Schäfer:innen als Protagonist:innen hat somit noch eine tiefere Bedeutung.

 

Das Lamm ist bereits seit dem Judentum ein symbolträchtiges Tier. In manchen frühjüdischen Schriften wird ein apokalyptisches Lamm beschrieben, das in der Endzeit herrschen wird und somit eine messianische Figur einnimmt. Es symbolisiert aber auch in anderen frühjüdischen und alttestamentlichen Schriften eine Form der Wehrlosigkeit und Verletzbarkeit, die daher entstammt, dass es geführt werden muss, um sein eigenes Leben zu retten (vgl. Nielsen).

Erst im Johannesevangelium wird das Lamm mit Jesus personalisiert, da es die Welt von ihrer Sünde befreien soll: „Am Tag darauf sah er Jesus auf sich zukommen und sagte: Seht, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“ (Johannes 1,29). Diese Liturgie wird auch als die Inspirationsquelle für die Introduktion „Agnus Dei“ gesehen, durch die das Lamm Gottes eines der bekanntesten Bilder im christlichen Gottesdienst wurde (vgl. Nielsen). Auch in der bildenden Kunst wird das Lamm Gottes seit jeher aufgenommen und festgehalten. Ein Beispiel dieser Darstellung ist das Gemälde von J. van Eyck:

Abb. 1: „Die Verehrung des Lammes“, J. van Eyck, um 1432

Markant sind neben dem Kreuz und der grünen Landschaft auch der gelbe Schein am oberen Rande des Bildes.

Eine Hommage an die Symbolik?

Wie bereits festgestellt, spielt auch in Lamb ein Lamm, wenn auch als Hybrid eine bedeutsame Rolle. Ada bringt eine Form der Leiderlösung zu Maria (ein namentlicher Zufall?) und Ingvar. Fortan müssen sie ihr tristes Leben nicht mehr länger alleine in den grauen und finsteren Weiten Islands verbringen. Nein, dieses Lamm führt sie aus eventuell sündigem Gedankengut, heraus. Diese Gleichstellung Adas mit dem Lamm Gottes findet sich auch in der Szene aus dem Trailer in Min. 01:04-01:07 am wieder:

Abb. 2: Lamb, Szenenbild aus Trailer, Min. 01:04-01:07, ©Koch Films

Vergleicht man die farbästhetische Wahl dieser Szene mit dem Gemälde von van Eyck lassen sich eindeutige Parallelen ziehen: Bei beiden sind im Hintergrund Häuser, eine Blumenwiese sowie eine Berglandschaft zu sehen, Maria lehnt sich dankbar und wertschätzend zum Lamm und statt des gelben Heiligenscheins bekommt es einen gelben Kranz (ein eventuelles Symbol jenes Scheines) direkt auf den Kopf gesetzt. Für Maria ist dieses Wesen eindeutig die Erlösung, auf die sie so lange gewartet hat.

Nietzsche – Gott ist tot und die Umkehrung der Erlösung

Nun handelt es sich jedoch bei Ada nicht um ein „klassisches“ Lamm, sondern um ein Wesen, das auch zur Hälfte Mensch ist. Es ist eine künstlerische Antwort auf Nietzsches philosophische Parabel, dass Gott tot sei. Das Bild, das sich Menschen von Gott erhoffen, ist gestört worden. Es ist nicht länger existent oder: Es war vielleicht nie wirklich vorhanden. Diese Umkehrung der erwünschten Erlösung nimmt im Film immer mehr Platz ein. Nachdem Maria und Ingvar Ada für ihr eigenes Kind erklärt haben und die Leidensrufe der Mutter nicht nur ignoriert, sondern sogar gewaltvoll beendet haben, versucht eine andere Macht wieder Ordnung in das System zu bringen. Man kann sich nun fragen, ob diese Macht etwas ähnliches ist wie eine Naturgewalt, verkörpert durch den Bock-Menschen. Es kann jedoch auch sein, dass an die Stelle eines erlösenden Gottes ein toter Gott, ein Nicht-Gott, getreten ist. Vielleicht ist Ada als zu Leib gewordener machtloser Zustand zu sehen. Der Mensch greift in Gefüge und Abläufe ein, die, wenn so man will, von einem Gott für ein harmonischen Zusammensein gedacht waren. Aber Gier, Ignoranz und Aggressivität brachten diese Welt aus dem Gleichgewicht, was zur Folge hat, dass Gott (oder eher: die Idee eines friedvollen Zusammenlebens auf einem gesunden Planeten) getötet wurde. In so eine Welt kann kein unschuldiges Lamm mehr geboren werden, es können nur noch Hybride entstehen, die statt der Erlösung andere Kreaturen hervorbringen, wie der Bock-Mensch, der schlussendlich den Tod bringt.

 

Lamb kann als ein Abbild einer sich selbst zerstörenden Welt gesehen werden, in der in subtiler Art ein Seinszustand dieser Welt kritisiert und auf künstlerische Art zu Ende gedacht wird. Und dennoch klagt das Bild, somit also Film per se, „zugleich die Täuschung als Wirklichkeit unseres Lebens an, in das es selbst eingeschlossen ist. Die einfache Tatsache, Bilder anzuschauen, die die Wirklichkeit eines Systems denunzieren, erscheint bereits als eine Komplizenschaft in diesem System“ (Rancière, S. 103). Kreieren Menschen deswegen Bilder der Repräsentation einer naturgegebenen Willkür? Man könnte nach Rancière schlussfolgern, dass der Mensch die Kritik an vorherrschenden Systemen nicht durch das Abbild einer vermeintlichen Wirklichkeit (vermeintlich, weil es etwas wie eine absolute Wirklichkeit nicht gibt) durchbrechen kann. Das filmische Festhalten der Ist-Zustände bringt keine, manchmal so notwendige, Lösung dieser. Vielleicht kreieren Filmschaffende deswegen Welten, in denen verschiedene Lebensformen mit der menschlichen zusammentreffen und diese Symbiosen als eine Form der Denunzierung des Systems verstanden und vor allem verkörpert werden.

Jóhannssons Spielfilmdebüt wurde von Island als Beitrag für die Oscarnominierungen 2022 eingereicht und läuft seit dem 06.01.22 in den deutschen Kinos.

 

 

Balázs, Bela: Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films. Frankfurt/Main: Suhrkamp 2001.

Johannes 1,29: „Der Eintritt des göttlichen Wortes in die Welt.“ In: Katholische Bibelanstalt. Bibelserver. URL: https://www.bibleserver.com/EU/Johannes1%2C29 (Zugriff 14.01.2022).

Nielsen, Jesper Tang: „Lamm/Lamm Gottes.“ In: Bibelwissenschenschaft.de. URL: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/51943/ (Zugriff 14.01.2022).

Rancière, Jacques: Der emanzipierte Zuschauer. Wien: Passagen 2015.

Abb.1: Nielsen, Jesper Tang: „Lamm/Lamm Gottes.“ In: Bibelwissenschenschaft.de.URL: https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/51943/ (Zugriff 14.01.2022).

Carla Gabriel
Junior Manager
Online-PR & Influencer Marketing
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