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Über »The Blue Notebooks«

 

Die Veröffentlichung von »The Blue Notebooks« 2004 verlief still. Richter hatte das Werk im Jahr zuvor geschrieben und in nur drei Stunden aufgenommen. Doch die Welt zog nach, das Album wurde zum Kultklassiker, dann zum Trendsetter, schließlich zum Maßstäbe setzenden Meisterwerk. Es bahnte einer ganzen Generation erfolgreicher junger Komponisten den Weg.

Die Auseinandersetzung mit dem Werk lohnte und seine Aussage erreichte nach und nach das Bewusstsein und auch die Herzen vieler Zuhörer. Millionenfach wurde es auf Spotify abgerufen und selbst in der Werbung, in Fernsehsendungen und Filmen häufig genutzt.

Was heute durchaus üblich ist, war seinerzeit revolutionär – Richter war mit »The Blue Notebooks« einer der Ersten, der klassische und elektronische Elemente mit Perspektiven des Post-Rock verknüpfte.

Diese Neuausgaben enthalten Remixes von den Musikern Konx-Om-Pax und Jlin. Beide bieten einen faszinierenden kulturellen Grenzgang und zeigen, wie Richters Musik und Auffassungen Barrieren überwinden. Zusammenhänge werden offensichtlich, die nicht auf den ersten Blick erkennbar waren.

Neu sind außerdem die Gestaltung der Ausgabe, ein bisher unveröffentlichter Track und Neuarrangements von Kompositionen, die zur selben Zeit wie das Album geschrieben, aber erst Anfang dieses Jahres in den Air Studios erstmals aufgenommen wurden.

Über Aufnahme und Neuarrangement von zuvor unveröffentlichtem Material sagt Max Richter: »Wir sind noch einmal in eine Art Hinterland des Albums eingetaucht; diese Stücke bilden den Kontext, sie sind wie ein Reservoir, das in die Produktion der Aufnahme einfloss, aber schließlich nicht im Endprodukt erschien.«

Das Bonusmaterial hat die gleiche Qualität und suggestive Kraft wie das Hauptalbum. Und ob man die ursprüngliche oder die erweiterte Fassung hört, es ist eine Aufnahme von schlichter, melancholischer Schönheit, in der ein voller natürlicher Streicherklang auf durchsichtige Low-Fi-Elektronik trifft. Sinnfällige Strukturen, nachträglich hinzugefügte Geräusche und die ASMR auslösende kristallklare Aufnahme der Lesungen der Schauspielerin Tilda Swinton schaffen eine höchst eindringliche Atmosphäre.

»The Blue Notebooks« wurde sorgfältig konzipiert als »eine Meditation über Gewalt und deren Folgen, inspiriert durch den – bevorstehenden – Irakkrieg und meine eigenen Erfahrungen«, sagt Max Richter. Richter fand seine Vorbilder in Bob Dylan, Woody Guthrie und in der Punkbewegung, aber seine Art von Protest unterschied sich.»Ich wollte die Zuhörer einladen, ihnen Raum zum Nachdenken geben, statt ihnen etwas aufzudrängen. Die Welt ist rau genug, dieser Brutalität wollte ich nichts hinzufügen. Im Laufe der Jahre ist mir klargeworden, dass man ein Gleichgewicht finden muss; während unsere Welt in etwas sehr Bedrohliches hineintaumelt, das zunehmend auf lautstarker, skrupelloser Rhetorik beruht, möchte ich über stillen Protest sprechen.«

Das Album ist außerdem sehr persönlich, Richter erinnert sich: »Als ein sensibles Kind reagierte ich auf die Gewalt um mich herum damit, dass ich mich ganz in mich zurückzog. Mein einziges Refugium war die Musik; ich verschwand völlig in den inneren Landschaften, die sie mir eröffnete.«

Tatsächlich ist »The Blue Notebooks« von einem Gefühl der Nostalgie durchdrungen. Das zeigt sich auch in den Texten, die Richter für Tilda Swintons so wichtige Monologe auswählte. »Everyone carries a room about inside him. – Jeder Mensch trägt ein Zimmer in sich.«, beginnt sie. Die Worte stammen aus den acht blauen Oktavheften von Franz Kafka, auf die Richter sich im Titel seiner Suite bezieht. Später rezitiert Swinton aus »Hymne von der Perle« und »Unerreichbare Erde« des polnischen Dichters Czesław Miłosz, , wo Vergangenheit und Gegenwart auf einprägsame Weise verschwimmen: »I was here when she, with whom I walk, wasn’t born yet – Ich war hier, als die, die neben mir geht, noch nicht geboren war.«

»Die Texte, die ich aussuchte, sollten meinen Eindruck von der damaligen Politik reflektieren«, sagt Richter. »Fakten wurden allmählich durch subjektive Behauptungen ersetzt, während sich alles auf den Krieg zuspitzte, der offenbar unvermeidlich und rechtmäßig schien, während doch alle Beweise für das Gegenteil sprachen. Kafkas Verwendung des Absurden, um Machtstrukturen zu untersuchen, schien mir von größter Bedeutung. Er ist natürlich der Schutzheilige des Zweifels, und Zweifel – über Politik und den Weg, den die Gesellschaft einschlug – war das, was ich ausdrücken wollte. Die Texte wurden ausdrücklich gewählt, weil sie sich auf die Kindheit beziehen oder auf das Vergehen der Zeit, während alles ringsumher versagt.«

Richter weist darauf hin, dass dies schon im Aufbau von »The Blue Notebooks« angelegt ist. »›On The Nature Of Daylight‹ hat die Struktur eines Palindroms, sodass Vergangenheit und Gegenwart nebeneinander existieren.« Das Stück ist inzwischen das herausragende, bekannteste des Albums geworden, nicht zuletzt durch seine bedeutungsvolle Verwendung in Denis Villeneuves preisgekröntem Film »Arrival«, dessen palindromische Erzählstruktur, Ideen über nicht lineare Zeit und verschwommene Bilder von Erlebtem perfekt zu Richters Musik passen.

Wie reizvoll und einflussreich »On The Nature Of Daylight« ist, zeigt sich darin, dass es in so vielen Filmen und Fernsehsendungen verwendet wurde. Dazu gehören »Shutter Island« von Martin Scorsese, »The Innocents« (dt. »Agnus Dei – Die Unschuldigen«) von Anne Fontaine, »The Face of an Angel« (dt. »Die Augen des Engels«) von Michael Winterbottom, »Disconnect« von Henry Alex Rubin und »Stranger Than Fiction« (dt. »Schräger als Fiktion«) von Marc Forster.

Und so betrachten wir hier mit Recht die Vergangenheit dieses klassischen Albums und seinen Platz in der Gegenwart. Politisch sind die Dinge nicht nur vergleichbar, sondern schlechter. Musikalisch ist manches unverändert, erscheint aber nun in einem anderen Licht und wird unter neuen Umständen anders beurteilt, andere Teile wiederum sind neu oder wurden bearbeitet. »The Blue Notebooks« stellt einen sich wandelnden Kreislauf von Beobachtung und Erfahrung dar – es verkörpert Zeitlosigkeit.

 

 

 

Foto: © Heiko Prigge / DG